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30.07.2015

Gestern – Heute – Morgen - Teil 3

Die Geschichte des akademischen Brauwesens in Weihenstephan, Teil 3

Teil drei unserer geschichtlichen Abhandlung beschäftigt sich mit den Jahren 1990-2015. Nach dem 125-jährigen Jubiläum der Fakultät im Jahr 1990 wurde es nicht weniger ereignisreich um Weihenstephan.

Personell ergaben sich im Verlauf der 1990er Jahre an nahezu allen für die Fakultät relevanten Lehrstühlen Änderungen. Prof. Werner Back übernahm von Prof. Ludwig Narziß die Leitung der Technologie für Brauerei I im Jahr 1992, Prof. Wilhelm Postels Lehrstuhl für Allgemeine Technologie wurde bis zur Berufung von Prof. Karl-Heinz Engel im Jahr 1995 von Prof. Angelika Görg kommissarisch geleitet. Ein weiterer Schlüssellehrstuhl wurde neu besetzt, als Prof. Harun Parlar den Lehrstuhl für Chemisch-technische Analyse und Chemische Lebensmitteltechnologie 1994 von Prof. Friedrich Drawert übernahm.

 
Abbildung 1: Prof. Back, Prof. Engel, Prof. Parlar

Der sich vollziehende Generationenwechsel führte auch zu einem Strukturwandel in der Forschung, da die vorher oft gepflegte Rekrutierung von Universitätsprofessoren aus Führungskräften der Industrie immer schwieriger durchzuführen war.

Eine deutliche Erweiterung der Forschungs- und Lehrkapazität fand statt, als der Lehrstuhl für Technologie der Brauerei II und Technische Mikrobiologie (Prof. Siegfried Donhauser) aufgeteilt wurde. Im Jahr 1994 wurde Prof. Rudi Vogel auf den Lehrstuhl für Technische Mikrobiologie berufen, während Prof. Eberhard Geiger 1995 die Leitung des Lehrstuhls für der Technologie der Brauerei II erhielt. Prof. Viktor Denk wurde 1995 emeritiert, seinen Lehrstuhl für Fluidmechanik und Prozessautomation leitete von da an Prof. Antonio Delgado.


Abbildung 2: Prof. Vogel, Prof. Geiger, Prof. Delgado

Verwaltungstechnisch wurden die Studiengänge bereits im Wintersemester 1998/99 an die Internationalisierung angepasst, indem die Fächer nach dem European Credit Transfer System (ECTS) über Leistungspunkte bewertet wurden, entsprechend dem für das Studium erforderlichen Aufwand.

Ende der 1990er Jahre konkretisierten sich in der TUM Überlegungen, aus Weihenstephan ein international erstplatziertes „Center of Life Sciences“ zu schaffen. Am 08.06.1999 beschloss dann die Bayerische Staatsregierung, in Weihenstephan ein „Life and Food Sciences Center“ entstehen zu lassen. Mit Wirkung zum 01.10.2000 wurden die drei bestehenden Fakultäten – Landwirtschaft und Gartenbau, Brauwesen, Lebensmitteltechnologie und Milchwissenschaft sowie Forstwissenschaft – unter dem Dach der TUM in einer neuen Fakultät zusammengefasst. Ihr Name lautet bis heute „Wissenschaftszentrum Weihenstephan für Ernährung, Landnutzung und Umwelt“ (WZW). Um die Wechselwirkung zwischen den einzelnen Lehrstühlen und Disziplinen zu verbessern, erfolgte eine Neustrukturierung in Form einer Matrix-Struktur. Dabei wurden die Forschungsgebiete in Forschungsdepartments und die Lehrangebote in Studienfakultäten gegliedert. Diese Struktur bedeutete aber auch eine fächerübergreifende Verschränkung mit anderen Standorten der TUM, vor allem Garching. Dort waren unter anderem die Fakultäten für Chemie und Physik angesiedelt, die auch Teile der Lehre am WZW übernahmen. Die entsprechenden Lehrstühle in Freising gingen folgerichtig in den beiden Fakultäten in Garching auf.

Im gleichen Jahr erfolgte für die neu geschaffene Fakultät der Spatenstich der eigenen Standortbibliothek, welche 2001 eingeweiht wurde. Die Planungskosten für das ca. 17 Millionen Euro teure Projekt wurden vom Bayerischen Brauerbund übernommen.

BibiliothekAbbildung 3: Die neue Bibliothek

Weitere Neubesetzungen im Bereich der Lehrstühle ergaben sich im Jahre 2000, als nach dem Tod von Prof. Heinz-Gerhard Kessler Prof. Ulrich Kulozik auf die Leitung des Lehrstuhls für Lehrstuhl für Lebensmittelverfahrenstechnik und Molkereitechnologie berufen wurde sowie im Jahr 2003, in dem Prof. Horst-Christian Langowski Prof. Horst Weisser auf den Lehrstuhl für Lebensmittelverpackungstechnik folgte, der in den Ruhestand ging.

Mitte des Jahrzehnts entwickelte sich unter den Professoren der Studienfakultät der Gedanke zur Schaffung eines weiteren Studienganges. Hintergrund war eine steigende Nachfrage von Unternehmen der Biotechnologie und der pharmazeutischen Industrie nach Ingenieuren aus Weihenstephan. Konzepte für einen neuen Studiengang wurden erstellt und mit den verfügbaren Lehrkapazitäten abgeglichen.

Im Jahr 2006 nahm Prof. Delgado einen Ruf nach Erlangen an. Der frei gewordene Lehrstuhl für Fluidmechanik und Prozessautomation wurde dann 2008 von Prof. Heiko Briesen übernommen und in gleichzeitig in Lehrstuhl für Systemverfahrenstechnik umbenannt. Im Zuge des Weggangs von Prof. Delgado übernahm Prof. Langowski das Amt des Studiendekans 2006. Ebenfalls 2006 wurde von der Hochschulleitung angekündigt, dass die beiden Lehrstühle für Technologie der Brauerei I und II mit dem Ruhestand der Professoren Back und Geiger zusammenführt werden sollten.

Unter großflächigem Protest der Studierendenschaft wurden zum Sommersemester 2007 in Bayern Studienbeiträge eingeführt. Für die Studierenden der TUM betrug der Semesterbeitrag 500 Euro, die ausschließlich der Verbesserung der Studienbedingungen zugutekommen durften. Zusätzlich zum Studienfakultätsrat benötigte man ein neues Gremium, das über den Einsatz der Mittel aus Studienbeiträgen beschließen konnte. Entsprechend den gesetzlichen Vorgaben schuf man eine paritätisch besetzte Studienbeitragskommission, die über konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Studienbedingungen entschied.

Die Anstrengungen der Professoren Delgado (bis 2006), Kulozik und Langowski führten zum Wintersemester 2007/08 zum Erfolg. Von da an konnten Studieninteressierte erstmals den neuen Bachelor-Studiengang „Bioprozesstechnik“ wählen. Das Konzept war attraktiv, denn schon im ersten Jahrgang schrieben sich gut 60 Studierende darin ein.

   
Abbildung 4: Die Berufungen der 2000er Jahre: Prof. Kulozik, Prof. Langowski, Prof. Briesen, Prof. Becker

Nach der Pensionierung von Prof. Meyer-Pittroff am 31.03.2007 ging der Lehrstuhl für Energie- und Umwelttechnik in der Lebensmittelindustrie im Lehrstuhl für Rohstoff- und Energietechnologie unter Prof. Martin Faulstich am TUM-Standort in Straubing auf. Zum 01.10.2008 wurde der Lehrstuhl für Maschinen- und Apparatekunde von Prof. Karl Sommer in Lehrstuhl für Verfahrenstechnik disperser Systeme umbenannt. Ein Jahr später ging Prof. Sommer in den Ruhestand und sein Lehrstuhl wurde zunächst von Prof. Kulozik kommissarisch geleitet. Die Zusammenlegung der beiden brautechnologischen Lehrstühle erfolgte mit dem Ruhestand der Professoren Back und Geiger. Prof. Thomas Becker übernahm 2009 die Leitung des so geschaffenen großen Lehrstuhls für Brau- und Getränketechnologie.

Die Studiengänge an der Studienfakultät mussten über die Zeit jedoch des Öfteren an die sich ändernden Rahmenbedingungen angepasst werden. Vor allem die Forderung, dass ein Bachelorabschluss bereits berufsqualifizierend sein musste, führte zu einer starken Umstrukturierung im Curriculum. Einige Fächer aus dem früheren Hauptdiplom, wie die Verfahrenstechnik, wurden in den Bachelor-Studiengang verlegt. Dafür konnten zusätzliche Vorlesungen in die Masterstudiengänge aufgenommen werden. Damit stiegen die Möglichkeiten für die Studierenden, ein eigenes Profil herauszubilden.

Auch der Studiengang „Brauwesen mit Abschluss Diplom-Braumeister“ musste einer grundlegenden Änderung unterzogen werden. Mit der Einführung des „neuen“ Diplom-Braumeisters im Jahr 2010 erweiterten sich die Möglichkeiten für die Studierenden ebenfalls. Nach erfolgreichem Abschluss des Studiums mit guten Leistungen wurde es nun möglich, nach Absolvieren zusätzlicher Fächer aus dem Bachelorstudium auch diesen Abschluss zu erhalten und anschließend in das Masterstudium einzusteigen. So können Studierende mit Fachhochschulreife, die inzwischen auch mit Mittlerer Reife und mehrjähriger Berufserfahrung zu erreichen ist, nach dem Masterabschluss sogar an der Universität die Promotion erlangen.

Durch das Bachelor-Master-System ist auch die Durchlässigkeit der Studiengänge erleichtert worden. Bachelorabsolventen von anderen Hochschulen aus dem In- und Ausland können sich für ein Masterstudium bewerben und in Weihenstephan die Qualifikationen für eine Beschäftigung in der Getränke-, Lebensmittel- oder Pharmabranche erhalten. In der Regel müssen sie jedoch aus dem Bachelorcurriculum der Studienfakultät – anhängig von der mitgebrachten Vorausbildung – einige Module nachholen, damit das Niveau der Masterstudiengänge erhalten wird.

Das Hochschulpräsidium, das bereits 2005 bekundet hatte, den international renommierten und in Deutschland einzigartigen Titel des Diplom-Ingenieurs zu erhalten, setzte ein besonderes Vorhaben um. Seit 2011 können alle Absolventen der TUM, die in einem ingenieurwissenschaftlichen Studiengang den akademischen Grad eines Master of Science erhalten hatten, eine Äquivalenzurkunde erhalten. Diese bescheinigt den Studienabgängern, dass sie die gleichen Qualifikationen besitzen wie der bisherige Diplom-Ingenieur der TUM. Zusätzlich haben die Absolventen der Universität das Recht, den Grad „Diplom-Ingenieur (TUM)“ zu führen, sofern sie den überwiegenden Teil ihres Studiums an der TUM abgeleistet haben.

Am 22.April 2013 wurde dann auch das „internationale Getränkewissenschaftliche Zentrum Weihenstephan“ (iGZW) eingeweiht, dessen Planung bereits in das Jahr 2004 zurückreicht.

Abbildung 5: das internationale Getränkewissenschaftliche Zentrum Weihenstephan (iGZW)

2013 wurde ein neuer Versuch unternommen, um den Lehrstuhl für Verfahrenstechnik disperser Systeme, inzwischen unter der kommissarischen Leitung von Prof. Petra Först, weiter zu erhalten. Seit Kurzem war es an der TUM möglich, sogenannte Tenure-Track-Professuren (TT) einzurichten. Junge, exzellente Wissenschaftler können dabei nach ihrer Promotion und einem Auslandsaufenthalt auf diese neue Art der Professur berufen werden. Mit einer erfolgreicher Evaluierung nach sechs Jahren erhalten sie dann die Möglichkeit auf eine klassische W3-Professur. Um die Ausrichtung des Lehrstuhls aufrechtzuerhalten, wurden zwei TT-Professuren ausgeschrieben, namentlich für Fluiddynamik komplexer Biosysteme sowie Feststoffverfahrenstechnik. Durch zusätzliche Bestrebungen von Prof. Briesen kam noch eine Professur für Biothermodynamik dazu. Schon ein Jahr später konnten die Professorinnen Natalie Germann (Fluiddynamik komplexer Biosysteme) und Mirjana Minceva (Biothermodynamik) ihre Tätigkeiten am WZW aufnehmen. Dagegen blieb der Versuch der Besetzung der Professur für Feststoffverfahrenstechnik bislang ohne Erfolg.


Abbildung 6: Prof. Germann, Prof. Minceva

Nun sind wir im Jahre 2015 angekommen, dem Jahr, in dem die Studienfakultät ihr 150-jähriges Bestehen feiert. Zur großen Festveranstaltung, die im Oktober abgehalten wird, laden wir Sie herzlich ein. Nähere Informationen dazu entnehmen Sie dem nebenstehenden Kasten. Eine ausführliche Betrachtung der Geschichte, die in diesem Umfang den Rahmen sprengen würde, finden Sie in unserer Festschrift zur 150-Jahr-Feier. Erwerben können Sie diese zur Feier im Oktober oder jederzeit im Anschluss daran.

Autoren:
Prof. Horst-Christian Langwoski, Studiendekan
Alexander Holm, Studienbüro