Technische Universität München

20.07.2015

Gestern – Heute – Morgen - Teil 2

Die Geschichte des akademischen Brauwesens in Weihenstephan, Teil 2

Der vorangegangene Artikel befasste sich mit der geschichtlichen Entwicklung der heutigen Studienfakultät Brau- und Lebensmitteltechnologie bis ins Jahr 1965. Die wichtigsten Stationen der ersten hundert Jahre unserer Alma Mater in Weihenstephan wurden kurz dargestellt, doch gleichzeitig wurde immer wieder ein Blick in die Gegenwart geworfen, um die Veränderungen und ebenso die Kontinuität an der Studienfakultät zu beleuchten. Dieser Artikel beschäftigt sich nun etwas genauer mit den Jahren 1965 bis 2000, bis zur Gründung des Wissenschaftszentrums Weihenstephan (WZW) für Ernährung, Landnutzung und Umwelt an der TUM.

Unter dem Dekanat von Prof. Engerth wurde das 100-jährige Bestehen der Fakultät im Herkules-Saal der Residenz feierlich begangen. Der damals amtierende Minister für Unterricht und Kultus, Dr. Huber, machte sich in seiner Ansprache für die Einführung der Lebensmitteltechnologie an der Fakultät für Brauwesen stark. Er stellte in Aussicht, in Weihenstephan Mittel für die Schaffung von Lehrstühlen für Allgemeine Lebensmittelchemie, Lebensmittelkonservierung (Mikrobiologie) und Biochemie bereitzustellen. Den Festvortrag hielt Prof. Narziß mit dem Thema „Die Brauwissenschaft in Weihenstephan in den vergangenen 100 Jahren“. Dies wird sich am 16.10.2015 im Rahmen des Festaktes zur 150-Jahr-Feier wiederholen. Der Studienfakultätsrat bat Prof. Narziß, zum 150-Jahr-Jubiläum erneut den Festvortrag zu halten. Wie in diesen Artikeln auch wird im Anschluss Prof. Langowski einen Blick in die Gegenwart des Campus werfen und einen Ausblick in die Zukunft des Wissenschaftszentrum Weihenstephans geben.

Abbildung 1: Prof. Narziß bei seiner Berufung 1964
Abbildung 1: Prof. Narziß bei seiner Berufung 1964

Seit Anfang der 1960er Jahre hat schon die Idee bestanden, sich über das Brauwesen hinaus auf das Gebiet der Lebensmitteltechnologie auszudehnen. Dies lag einmal an der bereits sehr breiten naturwissenschaftlich-ingenieurstechnischen Ausbildung, andererseits in dem Bestreben den Studierenden ein weiteres Spektrum beruflichen Fortkommens jenseits der Brau- und Getränkebranche zu ermöglichen. Zudem fanden die „Brauer“ schon damals in benachbarten Industrien interessante Aufgaben vor. Mehrere Modelle standen zur Diskussion: So z.B. innerhalb des Braustudienganges durch Pflicht- und Wahlfächer aus der Lebensmitteltechnologie eine Spezialisierung (auch über die Diplomarbeit) zu bieten. Alternativ blieb die Option eines eigenen Diplomstudiengangs, welcher im Bereich der Grundlagen die gleichen Inhalte vorsah, sich aber im Hauptdiplom durch fachspezifische Themen differenzierte. Dieses zweite Modell wurde realisiert und nach Erstellung der Studienpläne, Inhalte und Prüfungsordnungen wurde unter der Federführung von Prof. Drawert im WS 1970/1971 der Diplomstudiengang „Lebensmitteltechnologie“ eingeführt.

Abbildung 2: Praktikumslabor in den 1960er Jahren
Abbildung 2: Praktikumslabor in den 1960er Jahren

Diese Aktivität erforderte die Schaffung weiterer Lehrstühle und Institute zur Durchführung des neuen Studiengangs, wie auch die dafür unerlässliche Forschung. Ein Lehrstuhl von den drei angekündigten, die Allgemeine Lebensmitteltechnologie, wurde Anfang 1973 geschaffen, die beiden anderen ließen auf sich warten: Während der Lehrstuhl für Technische Mikrobiologie 1993 errichtet wurde, kam die Biochemie erst im Rahmen des WZW nach Weihenstephan. Das für die neuen Lehrstühle, aber auch zur Beseitigung der Platznot schon lange benötigte Fakultätsgebäude am Weihenstephaner Steig wurde 1968 eingeweiht. Fast schon pünktlich zu unserem 150-jährigen Jubiläum geht eben dieses Gebäude außer Betrieb. Seit 01.04.2015 ist die Nutzung untersagt und alle Lehrstühle sind aus dem Gebäude ausgezogen. 47 Jahre nach seiner Eröffnung wird nun das Braufakultätsgebäude weichen müssen. Über die Jahre mussten nicht zu behebende Fehler in der Konstruktion festgestellt werden. Ebenso war das Gebäude stark mit Asbest belastet, und entsprach bald schon nicht mehr den baulichen und arbeitsplatztechnischen Sicherheits- und Gesundheitsvorschriften.

Mit der Einführung der Lebensmitteltechnologie wurden auch im Bereich der braurelevanten Fächer Umstrukturierungen vorgenommen. Das Fachgebiet „Brauereianlagen“ wurde dem Lehrstuhl Maschinenwesen und Energiewirtschaft der Brauerei zugeordnet. Ebenso wurde die Getränketechnologie inhaltlich verstärkt. All dies führte zur Änderung des Namens in „Fakultät für Brauwesen und Lebensmitteltechnologie“, der sich bis heute zur Studienfakultät erhalten hat. Es wurden aber auch die Bereiche der Fakultäten „Landwirtschaft und Gartenbau“ sowie unserer Fakultät neu definiert. Während erstere die Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte vertrat, wurde der letzteren die Verarbeitung dieser zugeordnet. Hier kamen die beiden Lehrstühle für „Milchwissenschaft“ und „Lebensmittelverfahrenstechnik und Molkereitechnologie“ zu unserer Fakultät, was zur Umbenennung in „Fakultät für Brauwesen, Lebensmitteltechnologie und Milchwissenschaft“ (BML) führte. Die damaligen Entwicklungen rund um die Lebensmitteltechnologie lassen sich auch in ähnlicher Weise in den Anfang der 2000er Jahre abbilden, als die Bioprozesstechnik als neuer Studiengang im Jahr 2007 eingeführt wurde. Hier wurden nahezu die gleichen Schritte verfolgt, um den Standort gleichermaßen weiterzuentwickeln und für die Zukunft zu rüsten. Es galt vor allem, die Studierenden auf einen sich ändernden Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Eine kurze Erwähnung sollten die turbulenten Jahre der „68er Bewegung“ finden. Wie in der Festschrift zum 125-Jahr-Jubiläum zu finden, waren vor allem die „Geisteswissenschaften und nur wenige Studiengänge an der TH München“ von den großen „Revolutionsaktionen“ betroffen. In Weihenstephan und dessen natur- und ingenieurswissenschaftlichen Inhalten in der Lehre, gab es weniger Reibungspunkte. Ebenso spielte das gute Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden eine große Rolle dabei, dass diese Zeit weniger aufreibend verlief als an anderen Studienorten. Es gab keine Probleme mit den Vertretern der Studierenden der Fachrichtung BML. Stärker betroffen waren die Senatsmitglieder, die sich zu schier endlosen Senatssitzungen mit Themen, die „von außen“ an die Studentenvertretern herangetragen wurden, auseinandersetzten mussten. Größeren Diskussionsbedarf gab es aber in der Umbenennung der Technischen Hochschule in Technische Universität, welche „vielen alten TH´lern sehr missfiel“. Doch im Sinne der schon damals angestrebten „europäischen Orientierung“ der Universitäten war dieser Schritt notwendig. In Summe gesehen, kann gesagt werden, dass hier in Freising die 68er Bewegung eher „gemütlich“ von statten ging.

Abbildung 3: Studierende vor dem historischen Türportal an der alten Akademie der
Abbildung 3: Studierende vor dem historischen Türportal an der alten Akademie der "Technischen Hochschule München" in Weihenstephan

Die Bewegung erforderte jedoch ein verändertes Hochschulrahmengesetz, welches in Bayern in den 70er Jahren rechtskräftig wurde. Neue Strukturen wurden geschaffen mit „Fachbereichen“ statt „Fakultäten“ und im Fachbereichsrat waren nicht mehr alle Ordinarien vertreten , sondern die jeweils jährlichen abwechselnden Leiter der „Großinstitute“ mit einer Runde aus wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studierenden. Die Zusammenfassung mehrerer Lehrstühle zu Großinstituten war vom Effekt her neutral. Entweder hatte man vorher schon zusammengearbeitet oder man war „Einzelkämpfer“. Dies war bereits ein erster Schritt in Richtung der Strukturen des heutigen Wissenschaftszentrum Weihenstephans (WZW), um vor allem die Forschungseinheit zu fördern und zu stärken.

Hieraus ergab sich auf Initiative des damaligen Staatsministers für Landwirtschaft, Dr. Eisenmann, und unter dem Vorsitz von Prof. Narziß eine Kommission aus Vertretern der TUM, LMU, FH Weihenstephan und LfL mit dem Ziel, Weihenstephan zu einem grünen Zentrum zu entwickeln. Daraus entstanden die Vorschläge und Überlegungen, die Weihenstephan für die nächsten zwei Jahrzehnte prägen sollten. Ergebnisse waren in den folgenden Jahren der Bau des zentralen Hörsaalgebäudes, die P-Räume für die Laborpraktika, die Mensa, das Lebensmitteltechnikum sowie später die Bibliothek. All diese Reformen wurden mit Schaffung des WZW endgültig abgeschlossen.

Mit Einführung der Lebensmitteltechnologie entwickelten sich auch die Studierendenzahlen in der Fakultät sehr positiv. Von 273 Studierenden im Jahr 1965 steigerte sich diese Zahl auf 1026 im Wintersemester 1988/89. In jenem Jahr waren sogar mehr Lebensmitteltechnologen im Studium eingeschrieben als Brauer. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der Fakultät 1973 der Fachhochschulstudiengang „Lebensmitteltechnologie“ anvertraut wurde. Dieser beinhaltete auch eine Spezialisierung auf den Sektor Molkerei. Der Anteil an ausländischen Studierenden waren 1965 mit elf Prozent relativ groß im Vergleich zu 1988. Bei fast viermal so vielen Studenten kamen nur vier Prozent der Studierenden aus dem Ausland.

Fast genauso positiv wie die Studierendenzahlen entwickelte sich die Forschung an der Fakultät. War bei der 100-Jahr-Feier noch von 500 wissenschaftlichen Arbeiten (von 1865 bis 1965) der Fakultätsmitglieder die Rede, hatten in den folgenden 25 Jahren alleine die zwei Braulehrstühle knapp 1000 Veröffentlichungen vorzuweisen. Als Beispiel dafür zeigt der Dekanatsbericht von 1987, dass an allen Lehrstühlen der Fakultät 185 wissenschaftliche Arbeiten verfasst wurden. Die Weiterführung der „Monographien“ wurde ebenso konsequent weiterverfolgt. „Die Bierbrauerei“ (mit drei Aktualisierungen), wozu die „Technologie der Malzbereitung“ (1972, 1999, 2012) und „Technologie der Würzebereitung (1968, 1985, 1992, 2009)“ gehören, wurden in dieser Zeit veröffentlicht. Von Prof. Kessler wurden zwei Auflagen und Aktualisierungen der „Lebensmittel-Bioverfahrenstechnik und Molkereitechnologie“ (1980 und 1988) herausgegeben. Prof. Kinnebrock veröffentlichte „Das Rechnungswesen der Brauerei“ sowie „Die Wirtschaftslehre der Brauerei und Mälzerei“. Ab 1979 brachte Prof. Drawert die „Brautechnischen Analysenmethoden“ im Rahmen der „MEBAK“ heraus. Nahezu all diese Bücher aus Weihenstephan gelten in den Fachbereichen bis heute als Standardwerke, besonders der „Abriß der Bierbrauerei“, der 2016 in seiner achten Auflage erscheinen wird. Ab 1968 wurden die Technologischen Seminare von Prof. Narziß eingeführt, die bis heute Bestand haben. Später wurde die Milchwirtschaftliche Herbsttagung geschaffen, welche das Pendant der Lebensmitteltechnologie darstellt und ebenso heute einen Fixplatz im Kalender am WZW hat.

Im Jahr 1979 wurde das 175-Jahr-Jubiläum des Wissenschafts- und Lehrstandortes Weihenstephan gefeiert. Mit einem großen Festakt im Hörsaal 14 wurde dieses Jubiläum begangen. Als großes Ereignis blieb im Jahr 1982 auch die Einweihung des damals neuen Sudhauses der Staatsbrauerei Weihenstephan in Erinnerung, als im Rahmen eines Tages der offenen Tür an Campus und Brauerei knapp 15000 Personen den Weihenstephaner Berg besuchten. Erfreulich ist, dass die Brauerei auch 2015 mit uns ihre Tore wieder öffnen wird. Am 17.10.2015 wird es einen Tag der offenen Tür in den Einrichtungen der Studienfakultät geben und die Staatsbrauerei unter der Leitung von Direktor Prof. Schrädler hat ihre Beteiligung mit Möglichkeit der Besichtigung dabei zugesagt.

Die wissenschaftlichen und industriellen Entwicklungen der 1970er und 1980er Jahre erforderten, die Inhalte der Studiengänge anzupassen. Es wurden die Inhalte der Pflichtveranstaltungen optimiert, sodass nunmehr ein Viertel der Fächer gewählt werden und die Studierenden vermehrt auf ihre persönlichen Interessen eingehen konnten. Eine besondere Reform erhielten die Diplomstudiengänge 1987/1988, als vor allem die Biotechnologie verstärkt in die Studiengänge eingebaut wurde. Durch die Fokussierung und Einführung der Biotechnologie in die Lebensmitteltechnologie wurde dieser Studiengang dann in „Technologie und Biotechnologie der Lebensmittel“ umbenannt. Eine Verringerung der Pflichtprüfungen schaffte auch Platz für die verpflichtenden Semesterarbeiten. Dies förderte die Eigeninitiative und Wissenschaftlichkeit der Studierenden erheblich.

Ein markantes Ereignis in der Geschichte unserer Fakultät brachte 1989 die Eröffnung der 5300 m² großen Technikumshalle, dem Lebensmitteltechnikum. Eingeweiht von Staatsminister für Wissenschaft Dr. Zehetmair bietet es viel Platz für großtechnische Anlagen und Einrichtungen, die in den Lehrstühlen keinen Platz finden. Das von weitem erkennbare Gebäude ist mittlerweile ein infrastruktureller Fixpunkt am Campus und bietet der Studienfakultät Möglichkeiten, die es an anderen Standorten kaum gibt. So konnte dort z.B. vor kurzem eine Destillationskolone für Versuche zur Herstellung alkoholfreier Biere errichtet werden. Ebenso im Jahre 1989 eingeweiht wurden die Gebäude für Physik, Biochemie und Chemie in Weihenstephan.

Abbildung 4: Das Lebensmitteltechnikum im Jahre 2015
Abbildung 4: Das Lebensmitteltechnikum im Jahre 2015

Mitte der 1990er Jahre wurde das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung von München in einen großzügigen und mittlerweile wieder erweiterten Neubau nach Weihenstephan verlegt. Ursprünglich vom Leiter des Institutes für „Prozesstechnik der Lebensmittel“ geleitet, steht es nunmehr mit dem Lehrstuhl für „Lebensmittelverpackungstechnik“ in Personalunion unter der Leitung von Studiendekan Prof. Langowski. Dies ergibt beachtliche Synergieeffekte und Parallelarbeiten können vermieden werden.

So wurden bereits damals die Weichen für das neue Jahrtausend gestellt – und damit der Weg in das WZW, sprich die verwaltungstechnische und organisatorische Vereinheitlichung Weihenstephans innerhalb der TUM. Dadurch sollten vor allem Verwaltung, Forschung und Lehre effizienter genutzt werden. Mit der Schaffung der Departments und Studienfakultäten wurde im Jahr 2000 dem Standort ein neues und zukunftsweisendes Gesicht gegeben. Besonders der internationale Wettbewerb um Wissen und Talente in Zeiten, in denen Wissenstransfer schneller, leichter und vor allem unkontrollierter von statten geht, in Zeiten in denen die Mobilität von Studierenden noch nie so hoch war, ist eine nachhaltige und zukunftsorienteierte Struktur die Überlebens- und Erfolgsgarantie eines Standortes wie Weihenstephan. Dies soll jedoch in Teil drei erörtert werden. Dabei wird Studiendekan Prof. Langowski als Autor an der Fortsetzung dieser Serie mitarbeiten.

Autoren:
Matthias Ebner, Organisationsbeauftragter der 150-Jahr-Feier, Studienfakultät Brau- und Lebensmitteltechnologie
em. Prof. Dr. Ludwig Narziß, Lehrstuhl für Brau- und Getränketechnologie